Die Festung Karlsborg  und die große Politik – Teil 2
Die Festung Karlsborg und die große Politik – Teil 2

Die Festung Karlsborg und die große Politik – Teil 2

Eigentlich hatte ich nicht vor, meinen Blog für politische Themen zu nutzen. Doch da Alles mit Allem verbunden ist und der Bericht über unseren Nachbarort Karlsborg (mein Beitrag vom 10.11.24) ohne die Berücksichtigung der Neutralitätspolitik Schwedens nur die halbe Geschichte wäre, mache ich hier eine Ausnahme.

Schweden und die Neutralität: Eine Erfolgsgeschichte
Schweden galt über zwei Jahrhunderte hinweg als Musterbeispiel einer neutralen Außenpolitik. Seit dem Ende der Napoleonischen Kriege hat das skandinavische Land konsequent darauf verzichtet, sich militärisch an Konflikten zu beteiligen. Diese Neutralität wurde zum Kernbestandteil der schwedischen Identität und trug maßgeblich zur internationalen Reputation des Landes als Vermittler und Friedensstifter bei.
Schwedens Neutralität beruhte auf einem pragmatischen Kalkül, historischem Erbe und der Überzeugung, dass Neutralität dem Land am besten Sicherheit und Wohlstand bringen würde, wenngleich sie nie formell durch internationale Abkommen garantiert und in der Verfassung verankert wurde.

Neutralität in Kultur und Pädagogik
Die schwedische Neutralitätspolitik war tief in der Kultur des Landes verwurzelt. Sie zeigte sich nicht nur in der politischen Praxis, sondern auch in der Kunst, Literatur und im Film, wo oft Werte wie Unabhängigkeit, Frieden und internationale Zusammenarbeit betont wurden. Schweden etablierte sich über die Jahrzehnten hinweg als Symbol für Diplomatie, Friedensbewahrung und unpolitische Standhaftigkeit – Werte, die in vielen kulturellen Ausdrucksformen reflektiert wurden.

Diese Politik fand auch ihren Niederschlag in der Pädagogik und hatte einen bedeutenden Einfluss auf das schwedische Bildungssystem. Der Fokus auf Unabhängigkeit, Toleranz, Zusammenarbeit und internationale Verständigung prägte sowohl die Schulfächer als auch die Lehrmethoden und die allgemeine Bildungspolitik des Landes. Besonders im 20. Jahrhundert, als Schweden seine Neutralitätspolitik ausbaute und international als Friedensstaat agierte, spiegelten verschiedene pädagogische Ansätze diese Werte wider.

„Nils Holgersson“ als Symbol der Neutralität
Ein gutes Beispiel für die Verankerung dieser Werte in der schwedischen Erziehung ist Selma Lagerlöfs Kinderbuch „Nils Holgerssons wunderbare Reise“. 1907 wurde es vom schwedischen Bildungsministerium als Pflichtlektüre für Schüler ausgewählt und blieb über viele Jahrzehnte hinweg ein Standardwerk in den schwedischen Schulen.

In Lagerlöfs berühmtem Werk wird der junge Nils Holgersson durch eine Reihe von Abenteuern geführt, bei denen er nicht nur Streitereien zwischen Tieren und Menschen erlebt, sondern auch in Situationen gerät, in denen er Konflikte durch Verständigung und Kooperation lösen muss. Ein besonders gutes Beispiel hierfür ist die Geschichte von Nils‘ Umgang mit den Wildgänsen, bei denen Missverständnisse und Konflikte durch Kommunikation und gegenseitiges Verständnis gelöst werden.

Die Herausforderungen der Neutralität: Die Weltkriege
Doch die Neutralitätspolitik Schwedens musste sich besonders in der Praxis bewähren. Die wohl größten Herausforderungen stellte sie in den beiden Weltkriegen.

Schweden erklärte sich offiziell neutral und konnte so seine Unabhängigkeit sowie wirtschaftliche Stabilität weitgehend bewahren, obwohl es besonders im Zweiten Weltkrieg starkem Druck sowohl von den Alliierten als auch von Deutschland ausgesetzt war. Schweden entschied sich für einen pragmatischen Kurs, der teilweise Zugeständnisse an Deutschland beinhaltete, aber dennoch die Unabhängigkeit und den neutralen Status des Landes aufrechterhielt. Dieser Balanceakt half Schweden, den Krieg zu überstehen, ohne direkt in die Kampfhandlungen hineingezogen zu werden.
Wirtschaftlich profitierte das Land von seiner neutralen Position, indem es während der Weltkriege Handel mit mehreren Konfliktparteien betreiben konnte.

Schweden im Kalten Krieg: Eine unabhängige „dritte Kraft“
Schweden nutzte seine neutrale Position, um sich international für Friedensinitiativen, Abrüstung und Menschenrechte zu engagieren. Während des Kalten Krieges nahm Schweden eine außenpolitische Haltung ein, die das Land zwischen den beiden Machtblöcken positionierte. Schweden lehnte es ab, dem westlichen Militärbündnis NATO beizutreten, näherte sich aber wirtschaftlich und politisch den westlichen Demokratien an. Dabei blieb Schweden jedoch seiner außenpolitischen Unabhängigkeit treu. Es blieb frei von ausländischen Militärstützpunkten und sah sich als unabhängige, sozialdemokratisch geprägte „dritte Kraft“ im Ost-West-Konflikt. Schweden galt somit als Synonym für konstruktive Neutralität.

Die Aufweichung der Neutralität: Ein neuer Kurs
Doch schon bald wurden die politischen Weichen neu gestellt. In den 1980er Jahren wurden Berichte lanciert, wonach angeblich sowjetische U-Boote mehrfach in schwedische Gewässer eingedrungen sein sollten – Vorfälle, die bis heute in keinem Fall bewiesen wurden. Diese Berichte führten zu Spannungen und stellten die schwedische Neutralitätspolitik auf die Probe. Die schwedischen Medien berichteten intensiv über die Vorfälle und verstärkten so die öffentliche Wahrnehmung einer akuten Bedrohung.

Der EU-Beitritt und die NATO-Kooperation
Mit dem Ende des Kalten Krieges begann Schweden, seine strikte Neutralitätspolitik allmählich anzupassen. 1995 trat Schweden der Europäischen Union bei, was eine neue Ära der außenpolitischen Integration einleitete. Gleichzeitig verstärkte das Land die Zusammenarbeit mit der NATO. In diesem Jahr wurde Schweden in das Partnerschaftsprogramm der NATO aufgenommen.

Schweden und die USA: Ein Verteidigungsabkommen ?
Seit Januar dieses Jahres besteht zudem ein Verteidigungsabkommen zwischen Schweden und den USA. Die USA erhalten Zugang zu 17 Militärgebieten und haben das Recht, Soldaten und Waffen ohne Einschränkungen zu entsenden. Sie dürfen sich zudem frei im Land bewegen, und ihre Einheiten können von den schwedischen Behörden nicht angehalten oder kontrolliert werden. Eine der wenigen kritischen Stimmen in der Presse fragte erschrocken, ob Schweden kürzlich einen Krieg verloren habe und nun eine fremde Besatzungsmacht im Land dulden müsse.

Der Verlust der Neutralität: Identität und geopolitische Spannungen
Der Aufgabe der Neutralität kommt weit mehr zu als ein sicherheitspolitischer Strategiewechsel. Für viele Schweden ist sie mit einem tiefen Identitätsverlust verbunden. Neutralität war für Schweden nicht nur eine politische Strategie, sondern auch ein moralischer Kompass. Sie ermöglichte es dem Land, eine aktive Rolle als Vermittler in internationalen Konflikten zu spielen und eine unabhängige Außenpolitik zu verfolgen. Mit dem NATO-Beitritt verliert Schweden diesen Status endgültig und wird zunehmend als verlängerter Arm westlicher Machtpolitik wahrgenommen. Das Land wird nun Teil eines Systems, das geopolitische Spannungen verschärft, anstatt die regionale Stabilität zu sichern. Schweden steht somit vor einer Gratwanderung zwischen der Verteidigung seiner Sicherheit und der Bewahrung seiner historischen Rolle als unabhängiger Akteur im internationalen System. Letzteres dürfte nun als Geschichte gelten.

 

 

Die Drei Musketiere und die NATO-Mitgliedschaft
In den letzten Tagen wurde im ganzen Land eine 30-seitige Broschüre mit dem Titel „Om krisen eller kriget kommer“ (dt. „Wenn die Krise oder der Krieg kommt“) an alle Haushalte verteilt.
Auf einer der ersten Seiten wird die NATO-Mitgliedschaft mit dem Treueschwur der „Drei Musketiere“ begründet: „Einer für alle, alle für einen“.
Da kann doch keiner etwas dagegen haben – oder?

 

Letztendlich war die außenpolitische Entwicklung Schwedens absehbar. Es bedurfte lediglich eines geeigneten Anlasses, um innenpolitisch die Kriegsangst als Rechtfertigung für den letzten Schritt hin zur NATO-Mitgliedschaft und zum Verteidigungsabkommen mit den USA zu nutzen.

Damit verliert Europa und die internationale Gemeinschaft einen anerkannten Akteur, der in einer von zunehmend irrationalen politischen Entscheidungen geprägten Zeit als neutrale Kraft einen wertvollen Beitrag zur Entspannung hätte leisten können.

 

 

19 Kommentare

  1. Birgit Ehrhardt

    Hallo ihr lieben. Ich freue mich, dass nun wieder regelmäßig Post 🙂 Nachrichten aus dem gelben Haus kommen.
    Ob Reise, Natur, Politik alles gehört nunmal zusammen und bildet auf jeden Fall.
    Danke für die immer lehrreichen und schönen Texte.
    Ganz liebe Grüße zu Euch
    Birgit

  2. Jan Reichelt

    Hallo Achim,
    ich denke, der Schritt hin zur NATO-Mitgliedschaft und zum Verteidigungsabkommen mit den USA hätten von getrennt beurteilt werden müssen. Erstere ist sicherlich durch die politische Entwicklung der letzten 25 Jahre mit begründet und durch die Krieg Russlands beschleunigt. Ob Letzteres verhältnismäßig ist, da gebe ich dir Recht, muss bezweifelt werden. Bei einem Punkt muss ich dir allerdings widersprechen: die NATO sichert schon regionale Stabilität und das für jedes Mitglied. Oder siehst du kriegerische Konflikte in einem dieser Länder. Was die Verschärfung der geopolitische Spannungen, so gebe ich dir teilweise Recht, dass die NATO ebenso Öl ins Feuer gießt, dass andere Akteure aber entfacht haben. Das sollte man auseinander halten, wenn über die europäische Sicherheitsarchitektur urteilt. VG Jan

    1. Hej Jan,
      was nützt eine „Europäische Sicherheitsarchitekur“, wenn sie in den wirklich entscheidenten Situationen, in denen es um Krieg und Frieden geht, sich als nicht tragfähig erweist?
      Unter diesem Gesichtspunkten sehe ich den schmerzhaften Verlust Schwedens als neutralen Moderator.

      1. Jan Reichelt

        Hej, Achim,
        für eine nachvollziehbare Antwort müsstest du ebenso Fragen nachgehen, warum die „europäische Sicherheitsarchitekur“ sich in diesen entscheidenden Situationen als nicht tragfähig erweist? Ist dies nicht auch darin begründet, dass mit nun 32 Staaten sich dieses Bündnis (ähnlich zur EU) durch das Absolutheitsprinzip als dermaßen schwerfällig bei sicherheitspolitischen Entscheidungen erweist? Diese Achillesferse kostet jeder systemische Wettbewerber dieser Bündnisse eigennützig aus und versucht jedes Bündnismitglied geschickt und mit geeigneter, einseitiger Abhängigkeit dediziert an sich zu binden, denn das erhöht auch die systemischen Fliehkräfte. Die Mitglieder dieser Bündnisse aus kontinentaleuropäischen und insbesondere vereinzelten osteuropäischen Staaten sind historisch-wirtschaftlich bedingt, aber auch sozio-kulturell mit Russland lang verbunden, wohlwissentlich dass diese Gesellschaften auch ein aus der Vergangenheit nicht minderbelastetes Verhältnis zu Russland haben. Das sollte man nie unterschätzen, dass es hier noch einige offene Rechnungen gibt, aber auch dass es einige fast schon parasitäre Profiteure, wenn nicht gar schon zu zusagen Kollaborateure in diesen Ländern gibt. Auch bei uns in Deutschland. Was ich nunmehr in den letzten 30 Jahre aufmerksam feststelle, ist, dass mir aus Russland nicht ein einzig positives Beispiel für ein nachhaltig gutes „Exportgutes“ bekannt ist. Ich sehe nur Gewalt, Einschüchterung, Erpressung, Terror, Krieg gegenüber seinen unmittelbaren Nachbarn und auch mittelbaren Einfluss- und Interessensphären in Zentraleuropa (wie bspw. Deutschland, UK, Österreich). In diesem Kontext ist es für mich schon nachvollziehbar, warum Schweden auch in Anbetracht der geopolitischen Lage der Insel Gotland sowie um die Nordmeerregion um Schutz durch die NATO gebeten hat. In einem ähnlichen Bild sehe ich das auch für die baltischen (Klein)Staaten und auch für Finnland.

        1. Du erwähnst u.A., dass dir aus Russland kein positives Beispiel für ein nachhaltiges „Exportgut“ bekannt sei und dass Gewalt, Einschüchterung und Erpressung dominieren. Diese Sichtweise wäre für mich nachvollziehbar, wenn man sich einseitig informiert und nur auf die jüngsten geopolitischen Ereignisse und Konflikte konzentriert ohne diese im historischen Kontext zu betrachten.
          Eine solch voreingenommene Darstellung läuft Gefahr, eine Form von Russophobie zu fördern, die nicht nur den politischen Diskurs vergiftet sondern auch unmöglich macht.
          Letztlich sollte unser Ziel nicht die Dämonisierung eines Landes oder einer Kultur sein, sondern eine Politik, die die Sicherheitsbedenken aller Akteure ernst nimmt, ohne dabei die Grundlagen für zukünftige Kooperation zu zerstören. Nur so können wir langfristig eine stabile und friedliche Sicherheitsarchitektur in Europa schaffen.

  3. Jan Reichelt

    Ja, all das was du zitiert hast, sollte man von einem Land, dass ein Gründungsmitglied der UN ist und als Siegermacht gegen Hitlerdeutschland einen ständigem Sitz im UN Sicherheitsrat hat und damit für eine regelbasierte Ordnung steht, eigentlich erwarten können. Stattdessen tritt Russland in den letzten 2 Dekaden diese Ordnung mit Füßen und behandelt historisch gesehen, seine unmittelbaren, kleineren Nachbarn leider immer schon auf Basis seines aus imperialen Ausspruches und nicht in einer friedlichen Koexistenz, um damit etwa die wirtschaftliche Entwicklung und den Wohlstand der Menschen zu fördern. Nein, es überzieht diese Ländern aus reinen russischen oder konkreter Kreml‘ Interessen zu oft gezielt (!!!) mit Desinformation, Einschüchterung, Denunziation, Unterdrückung, Erpressung, Gewalt und Sabotage. Ich möchte jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass ich die US-amerikanische Außenpolitik der letzten 50 Jahre gutheiße oder ignoriere, nur gibt es was Russland betrifft wohlaber deutliche Unterschiede.

    Wofür steht Russland dann in der Zeit ab 1990? Was hat es Sinnstiftendes für die Weltgemeinschaft hervorgebracht? Wie geht es mit seinen Bürgern, mit seinen Kritikern um? Ist jeder souverän? Werden Gegner des Kreml nicht immer noch systematisch verfolgt? Du erinnerst dich an all die Verhaftungen und Verurteilungen für die bloße Meinungsäußerung oder seit dem Überfall auf das sog. Brudervolk auch Aussprechen des Wortes „Krieg“. Oder auch für das Recherchieren und Veröffentlichen von Rechtlosigkeit, Willkür und Korruption des Kreml-Regimes was zu diversen Morden führte, wie bspw. von Boris Nemzow (2015) oder von Anna Politkowskaja (2006) oder auch den Tiergartenmord (2019). Oder an all die aus dem Fenster gefallenen Oligarchen oder über Europa verteilt erschossenen Dissidenten und Deserteure. Du erinnerst dich noch an Pussy Riot (2011)? Auch fällt es auf, dass es Gegner des Kremls häufig mit Vergiftungen zu tun haben, wie von Alexander Litwinenko (2006) oder von Sergej und Julia Skripal (2018) oder von Pjotr Wersilow (2018) oder von Wladimir Kara-Mursa (2015 + 2018) oder von Alexej Nawalny (2020). Geht man so mit Andersdenkenden im Lande um? Gibt es eine ordentliche Aufarbeitung all dieser Verbrechen? Nein! Aber es gibt dagegen eine Zensur auf breiter Ebene, auch sind die Staatsgewalten gleichgeschaltet, aufmüpfige Oppositionelle entweder mundtot im Knast oder untergetaucht im Ausland oder gar tot. Die Zivilgesellschaft lebt in Knechtschaft eines nach einer Art von Apartheid herrschenden Regimes in Moskau und St. Petersburg. Jeder auch noch so kleinste demokratischer Aufbruch wurde und wird von Russland bisher brutal niedergeschmettert und wir können nur von Glück sagen, dass Russland es sich 1989 nicht leisten konnte, so zu reagieren, wie es dies in den letzten 25 Jahren getan hat. Alle, die in Russland eine „falsche Meinung“ zur Armee haben und Kritik am Regime äußern, sind in den Augen dieses Regimes durch Verdrehung von Tatsachen und Desinformation zu Verbrechern denunziert und eine reale Gefahr, dass sich in der Gesellschaft eine „falsche“ Meinung über das Vorgehen der Armee und des Regime bilden kann. Das Land, das vor dreißig Jahren den kommunistischen Totalitarismus hinter sich gelassen hat, ist in den Totalitarismus zurückgefallen, aber diesmal in den faschistischen. Der Kreml-Kritiker Oleg Orlow hat es vortrefflich zusammengefasst: „Sie wollten den Faschismus, sie haben ihn bekommen“.

    Wovor hat eigentlich Russland als zweitmächtigste Atommacht nach den USA solche Existenzängste? Na dass das aristokratische Leben der herrschenden Minderheit durch den „Pöbel“ derart angeprangert wird, dass all die Kristallpaläste durch ähnliche Umbrüche wie 1917 zu Fall kommen. Wenn eine Mehrheit der Bürger von Russland erkennt, dass das Leben dort kaum noch sinnstiftend ist – faktisch führt ja Russland seit den Tschetschenienkriegen unentwegt Kriege und entwickelt sich gesellschaftlich nicht weiter (eher zurück) – erst dann werden politische Veränderungen möglich sein.

    Ich frage mich dann immer, warum sind die Russen so besonders? Ist die DNA des Warschauer Paktes den Russen nach wie vor immer noch immanent? Wofür stand der Warschauer Pakt als Gegenpol zur NATO im Kalten Krieg? War der Warschauer Pakt nicht eine Zwangsvereinigung zur Sicherung der russischen (damals sowjetischen) Vorherrschaft und und hat die UdSSR in seiner Geschichte als tonangebender Akteur in diesem Militärbündnis nicht auch ausschließlich die eigenen Mitglieder angriffen? Wie 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn mit bis zu 3000 Toten inkl. des hingerichteten Ministerpräsidenten Imre Nagy, 1968 in Prag, 1981 in Polen mit Verhängung des Kriegsrechts), 1992 in Lettland mit dem Beschuss des Parlamentes in Riga? Dagegen ist die NATO ein Freiwilligenverbund, aus dem man auch austreten kann. So wie dies die Grand Nation Frankreich (eigentlich NATO Gründungsmitglied) dann 1966 tat und 2009 wieder Vollmitglied geworden ist.

    Aus diesen Gesichtspunkten – und es gibt gewiss noch zahlreich weitere – ist es für mich schon nachvollziehbar, dass europäische Nachbarn von Russland in die EU sowie NATO streben. Das sich damit diese Bündnis auch an die Grenzen Russlands annähern, ist rein geographisch begründet. Politisch war und ist aus reinem Selbstschutz der Länder gegen einen immer aggressiver auftretenden Nachbarn begründet. Denn ich möchte und auch für mein Kinder in einem Gesellschaftssystem leben und dieses weiterentwickeln, was auf der Freiheiten einer Wahl zu leben beruht. Das schließt nicht nur die reine politischer Wahl ein, sondern auch Wahl, wo und wie ich leben und arbeiten möchte oder auch nicht, wie oder was ich lieben möchte oder auch nicht, was und wie ich sagen bzw. auch anprangern möchte, etc. Unser System liefert solche Freiheiten der Wahl, in Russland leider nicht.

    1. Hej Jan,
      ich möchte in meinen Texten zum Ausdruck bringen, dass die Politik immer weiter in ein infantiles Schwarz-Weiß-Denken abdriftet. Es scheint nur noch Gut und Böse zu geben. Dies entnehme ich leider auch deinen Beiträgen. Ich frage mich, was du mit dieser umfangreichen Aufzählung an vermeintlichen russischen Staatsverbrechen erreichen willst.

      „Desinformation, Einschüchterung, Denunziation, Unterdrückung, Erpressung, Gewalt, Sabotage, Rechtlosigkeit, Willkür, Korruption, Apartheid, Totalitarismus, Faschismus“… Mit diesen vielen negativen Attributen beschreibst du den russischen Staat.

      Doch es geht um Krieg und Frieden und um das Fehlen eines neutralen Vermittlers!
      Auf einmal ist sogar das Wort Frieden verpönt. Allen nüchtern denkenden Menschen ist seit Kriegsbeginn klar, dass der Krieg von keiner Seite zu „gewinnen“ ist.

      Wenn man dann fordert, dass man alles für einen Waffenstillstand in der Ukraine tun muss, ist man plötzlich ein „Putin-Knecht“. Offenbar ist bei den Politikern und leider auch bei vielen Deutschen das historische Bewusstsein so weit weg, dass sie mit dem Wort Frieden nichts mehr anfangen können. Aus deutschen Wohlstandssesseln heraus einen Krieg zu befeuern, während in der Ukraine und in Russland wahrscheinlich täglich tausendfach gestorben wird, ist einfach obszön und menschenverachtend.

      Mein Vater wurde an der Ostfront schwer verwundet, in Russland, wo er als junger Mann eigentlich nichts zu suchen hatte. Er hat den Krieg überlebt und uns als Kinder nie allzu viel über seine traumatischen Erlebnisse an der Front erzählt. Aber die Lektion hat bei dieser Generation gesessen: „Nie wieder Krieg.“ Was ist daran falsch? Dieses hasserfüllte Schwelgen in Feindbildern bringt uns zurück ins vergangene Jahrhundert.

  4. Jan Reichelt

    Mit den Aufzählungen an russischen Verbrechen möchte ich erreichen, dass wir endlich die Augen öffnen vor dem, was Russland faktisch tut. Alles auf die Fragen von Gut und Böse oder Krieg und Frieden zu reduzieren, ist zu einfach. Was ist der Preis für Frieden? Frieden gegen Freiheit? Das kann es doch auch nicht sein. Frieden geht mit Freiheit einher. Frieden gegen Freiheit ist Unterjochung. Machen wir uns doch da bitte nichts vor. Neutrale Vermittler gäbe es zuhauf, aber nicht wirklich neutral, da zu oft energiepolitisch abhängig von Russland, wie Indien, China, Brasilien, Türkei.

    Wer glaubt und behauptet, ich wäre eine Kriegsbefürworter, der irrt sich gewaltig. Ich verabscheue jede Art von Gewalt, sei es verbal, psychisch oder physisch. Gewalt und Krieg sind immer eine Ohnmacht gegenüber den Worten und dem Ausgleich von Interessen, sprich gegenüber allem Zivilisierten. Aber hatte Russland wirklich ernsthaft vor Interessen auszugleichen? Ich zweifle daran schon seit 15 Jahren, insbesondere seit 2014 als die vielen grünen Männchen ohne Landesabzeichen auf der Krim zu Gange waren und diese besetzten. Russland dementierte erst, damit etwas zu tun zu haben und behauptete dann frecher Weise, es seien ihre Soldaten im Urlaub. Wie grotesk ist denn diese Erzählung, ein reines Lügenmärchen! Stell dir vor, dein Nachbar ist so eine Wuchtbrumme, wie Russland gerade, und hat nahezu ein Viertel deines Gartens besetzt, zerstört deine Einrichtungen, quält deine Frau und Kinder und erklärt all dies für sein Eigentum. Wie würdest du darauf reagieren? Damit, dass du alle Mittel aufwendest, um ihn von deinem Eigentum zu vertreiben, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, in dem du Allianzen suchst und findest und damit auch für weitere Unterstützung? Nichts anders passiert doch seit Februar 2022. Klar ist auch, dass der Krieg nicht einfach so entstanden ist und jeder Beteiligte (!!!) seinen eigenen Anteil daran hat. Was aber auch klar ist, dass Russland diesen schon jetzt totalen Krieg gegen alles Ziviles in der Ukraine jederzeit beenden kann und diesen nicht noch weiter mit Kämpfern aus Nordkorea, Jemen, Iran, Indien, Südamerika internationalisiert. Russland tut dies nicht und bringt seine Sicht der Kriegsgründe immer wieder an, wie Entnazifizierung, Entmilitarisierung, Beendigung des Genozids gegenüber russischstämmigen Bevölkerung. Aber ist das wirklich der Fall? Auch das bezweifle ich. Schließlich gab es bisher keine nachweisbaren Berichte für einen Genozid oder Nazis im ukrainischen Machtapparat dazu. Die Herrscher Russlands können sich seit Jahren nur durch Nationalismus und leider auch durch Kriege über Wasser halten, da sie ihrer Bevölkerung keinen anderen Lebenssinn anbieten können. Das ist doch die Wahrheit.

    Es ist auch richtig, dass dieser grässliche Krieg wahrscheinlich von keinem zu gewinnen ist. Das weiß auch Russland. Wie aber beendet man diesen, um nicht Gefahr zu laufen, nach ein paar Jahren in einen weiteren Krieg zu laufen? Die Zwänge vom Ausgang des 1. Weltkrieges sollten uns lehren! Wie reicht man die Hand an Russland, wieder zu einem zivilisierten Austausch zu kommen? Ich weiß es nicht, angesichts der Tatsache, dass sich Russland selbst in einen Eispalast zurückgezogen hat und alle Stimmen für ein Ende der Aggression gnadenlos zermalmt. Neuerdings wurden sogar die Rechtsanwälte von Alexej Nawalny zu Straflager verurteilt. Wofür eigentlich? Dafür das sie versucht haben, jemanden Rechtsbeistand zu geben? Oder die jüngsten Beschädigungen von Stromleitungen oder Datenkabeln durch Russlands Schattenflotte in der Ostsee. Sind das alles nur Zufälle oder Unfälle? Und ist Russland wirklich an ersthaften Verhandlungen für einen Interessensausgleich interessiert? Auch dies bezweifle ich, da Russland unnachgiebig auf die Anerkennung der aktuellen Situation an der Demarkationslinie als Grundbedingungen für Verhandlungen plädiert. Was für ein Zeichen ist dies für weitere Aggressoren weltweit!

    Und mal ehrlich Achim, sollten wir Deutschen nicht Russland wirklich durch unsere Geschichte selbst den Spiegel vorhalten, was vor 90 Jahren bzw. auch vor 50 Jahren bei uns los war und nun Russland selbst seinen Bürgern und Nachbarn antut? Die von dir zitierten vermeintlichen Verbrechen Russlands sind mit Fakten bereits längst unterlegt und mich irritiert die Sturheit, Kurzsichtigkeit und auch Torheit meiner ostdeutschen Landsleute, gerade angesichts unserer historischen Verantwortung, wie Russland mit Andersdenkende umgeht, (mund)tot macht und unmittelbare Nachbarn schädigt und unterjocht.

    Und gehe auch mal in dich, ob die seit über 10 Jahren in Kaliningrad stationierten Atomwaffen zum Schutz Russlands wirklich notwendig sind, ob dies eher Provokation ist und was die Antwort des Westens bisher darauf war – nämlich keine Atomwaffen an der Grenze zu Russland.

    Wir sollten unsere Augen vor dem Faktischen nicht verschließen und auch nicht in Vermeintlichkeiten argumentieren. Denn all das ist abseits der Realitäten.

    1. Hej Jan, welch Wunder: ich möchte Dir widersprechen. Aus Deinem umfangreichen Text werde ich aber nur auf ein paar wenige Details eingehen – solche, die mir besonders aufstoßen.
      Frieden verstehe ich als das höchste gesellschaftliche Gut.
      Erst er schafft die Stabilität und Sicherheit, die notwendig sind, damit sich Freiheit entfalten kann. Deshalb ist im Moment Diplomatie gefragt und nicht immer mehr Waffen. Und wenn Du erwähnst, dass Russland dafür nicht zugänglich wäre, möchte ich z.B. an die Verhandlungen in Istanbul im Jahr 2022 erinnern. Ein greifbares positives Ergebnis war damals von Seiten der NATO nicht gewollt.
      Die von Dir erwähnten Atomwaffen in Kaliningrad lagerten bereits seit den 80er Jahren dort. Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurden diese (wahrscheinlich) abgezogen, bevor sie dann Ende der 90er wieder stationiert wurden. Aber auch die NATO/USA haben in Europa Kernwaffen stationiert: Italien und Türkei(seit der 50er Jahren), Deutschland (1955), Belgien und Niederlande (seit den 60er Jahren).
      Die Vereinigten Staaten unterhalten laut verschiedenen Quellen etwa 800 bis 1.000 militärische Einrichtungen weltweit, viele davon auch für NATO-Zwecke genutzt.
      Russland hingegen hat eine deutlich geringere Anzahl von ausländischen Militärstützpunkten, angeblich 10 bis 15 Stützpunkte (in Ländern der ehemaligen Sowjetunion sowie in Syrien).
      Also, wer provoziert hier wen?
      Wir haben vor einigen Jahren aufgehört, öffentlich rechtliche Medien zu konsumieren. Beim Lesen deiner Texte werde ich schmerzhaft wieder daran erinnert.
      Höchstwahrscheinlich liegt dies aber an der Sturheit, Kurzsichtigkeit und auch Torheit eines ostdeutschen Landsmannes abseits aller Realitäten.
      Trotz dieses Makels (oder gerade deshalb) bin ich der Meinung „Frieden schaffen ohne Waffen !“

  5. Jan Reichelt

    Nun ja, lieber Joachim, wie du sicherlich mit deiner Meinung nicht ganz allein bist, so bin dies mit meiner auch nicht. Das bundesweite Meinungsbild ist hierzu aktuell ca. 50:50, in Ostdeutschland durch die Propaganda manch einer Partei anders.

    Worin wir uns beide einig sind, ist, dass „Frieden schaffen ohne Waffen !“ das aktuelle Gebot ist. Das oberste Gebot ist allerdings „Frieden bewahren ohne Waffen !“. Darin sind aber weder Russland und auch die USA nicht gut. Ich bin gewiss kein Fan US-amerikanischer Außenpolitik und verurteile das Ausüben ihre globalen Interessen auf das Schärfste. Aber was unterscheidet diese beiden internationalen Kriegsverbrecher untereinander? Russland muss sich aktuell vor niemanden für seine Gewaltexzesse rechtfertigen, weder im Inneren noch im Äußeren. Die USA hingegen haben sich auch durch den ihrer unnötigen Kriege erbrachten Blutzoll sowie überbordende Verschuldung innenpolitisch dermaßen aus dem Gleichgewicht gebracht, dass sie nun von Rechtsextremisten regiert werden. Gut ist das auch nicht.

    Es ist richtig, dass Frieden Stabilität und Sicherheit schafft sowie auch Freiheit entfalten kann. Aber auch nur kann, wenn der sogenannte „Friedensstifter“ das auch will! Hat man das nicht in der sowjetischen Besatzungszone bis 1990 selbst am eigenen Leib gespürt? Und war das nicht neben vielen anderen auch ein Grund, warum sich zig tausende Menschen in viele ostdeutschen Großstädten seit 1988 zunehmend gewehrt hatten, bis dann an einem für die gesamtdeutsche Geschichte besonderen Tag – nämlich den 9.11.1989 die Mauer fiel? Für mich sind Frieden und Freiheit elementar für den Menschen und die gesunde Entwicklung einer Gesellschaft. Hast du nur eines davon, dann ist der Zustand grenzwertig.

    Warum ich deinem Beitrag „Die Festung Karlsborg und die große Politik“ so entgegen trete, ist darin begründet, dass ich deine Ausführungen als zu einseitig empfinde. Russland führt mit an den Haaren herbeigeführten Begründungen einen brutalen Angriffskrieg gegen sein Nachbarland, den es in Europa nicht mehr seit dem Ende des 2. Weltkrieges gegeben habe. Auch hat Russland nicht wirklich ein Interesse daran, diesen Krieg zu beenden. Sie beziehen ihre Ressourcen für die Unterwerfung der Ukraine aus der Unfreiheit ihrer Bürger und den unterstützenden CRINK Staaten. Es ist erschreckend, auf welchen autoritären bis hin zu diktatorischen Staateniveau Russland aktuell unterwegs ist und dies heißt nichts Gutes für unser aller Zukunft.

    Die Offerte von Istanbul scheiterte an den Gräueltaten von Butscha, Irpin, Charkiw und in vielen anderen Orten in der Ukraine. Oder schauen wir auch auf die schon in 2022 begonnenen, gezielten Angriffen auf Krankenhäuser, Schulen, Energieinfrastruktur, Entbindungskliniken, Verwaltungsgebäuden, Ersthelfer, Lebensmittelinfrastruktur, die Zerstörung vom Mariupol – all das bringt Zorn, Wut und bestimmt kein Vertrauen für potentielle Verhandlungen.

    Ich erinnere mich sehr gut daran, dass unsere osteuropäischen Nachbarn sowie auch Finnland uns seit Jahrzehnten auf die zunehmenden Gefahren warnten, die von und durch Russland ausgehen. Wir haben sie belächelt und ignoriert, weiter usnere Geschäfte gemacht und damit Abhängigkeiten ausgebaut. Klaro hat die NATO über Jahrzehnte zu wenig getan, um den Konflikt nicht noch weiter anzuheizen. Dennoch bin ich der Meinung, dass Russland als Top-2 Atommacht an sich gar keine Angst haben sollte und dies auch eigentlich nicht wirklich hat, von irgendjemanden angegriffen oder gar eingenommen zu werden. Vom Westen hat dies auch keiner vor, denn das wäre reiner Selbstmord und damit das Ende aller Tage. Russland ist für mich und wie auch für ein Großteil meiner Kollegen aus der ehemaligen „Großen Ruhmreichen“ mittlerweile eine Art ‚failed state“, in dem sich das Regime nur durch repressive Gewalt selbst am Leben halten kann und den Menschen keine freies Leben und damit kaum einen Lebensinn ermöglicht, es sei denn du kniest nieder. Das ist der große Unterschiede zu Europa.

  6. Marita

    Hej, lieber Achim und hej Jan Reichelt. Ich habe mir gerade mal Eure Kommunikationen „zu Gemüte“ geführt. Ich bin schon erstaunt, lieber Jan Reichelt, wie aggressiv Du über
    das jetzige Russland sprichst. Ich gehöre der Generation von Achim an. Ich erkenne an Deinen Diskussionsargumenten, daß die Manipulationen der Medien in unsereem Land gefruchtet haben. Verstehe mich nicht falsch. Ich bin auch kein Freund von Kriegen.
    Frieden ist Voraussetzung für jegliches Leben. Wenn man aber so viele Argumente
    anbringt betreffs Russland, sollte man schon mal genauer hinterfragen. Das Hinterfragen haben wir leider zum gröten Teil verlernt; ja sogar wurde es verboten.
    Siehe Corona-Zeiten. Ich will das jetzt nicht weiter ausführen; da kommt man zu keinem Ende. Warum hat Russland den Krieg mit der Ukraine angefangen? Das solltest Du mal genau recherchieren. Das geht etliche Jahre zurück. Auch was innerhalb Russlands passiert ist in den Jahren, seit Putin an der Macht ist. Du vergißt, was das für ein riesiges Land ist; lange nicht so entwickelt wie die USA, Deutschland, Frankreich u.s.w. Hinter dem Ural „ist die Welt zu Ende“. Diess Land ist nicht so regierbar wie wir das hier selbst kennen. Und dann dürfen wir die Mentalität der Russen nicht vergessen. Aber auch hier könnte ich ausschweifen. Einfach sich mal selbst richtig informieren und, wie Achim schon schrieb, nicht nur von der einen Seite.
    Mein Mann war selbst zwei Jahre in der noch damaligen Sowjetunion, auch hinter dem Ural. Er hat soviel gesehen…. Und wenn er heute ständig hört: „…. die Russen waren es, die Russen haben Sabotage betrieben, die Russen haben vergiftet, u.s.w….“
    Es wird in den Medien immer wieder gesagt und geschrieben, bis die Menschen es glauben. Ihm “ schwillt da der Kamm“. Ohne irgendwwelche Beweise werden Behauptungen aufgestellt und komischerweise fragt auch Keiner mehr nach Beweisen. Es wird so hingenommen, daß es der Russe war. Russland wird für alles Mögliche verantwortlich gemacht. Putin ist sicher kein „Waisenknabe“. Aber er muß genau wie die USA und andere Länder die Interessen seines Landes vertreten. Und man ist Russland gehörig auf die „Pelle“ gerückt. Würdest Du Deine Grundstücksgrenzen nicht auch schützen, wenn man bei Dir schon am Gartenzaun steht?
    So, das mußte ich jetzt erstmal loswerden in der Kürze. Über dieses Thema kann man sich lange unterhalten ; und wahrscheinlich auch Nachhilfe in Geographie und Geschichte geben; ich bitte um Entschuldigung, daß ich das so sage. Aber auch ich kann es nicht nachvollziehen, warum die Menschen sich nicht mehr richtig informieren und nachfragen. Fakt ist; wenn Krieg herrscht, nützt es nur denjenigen, die die vielen Waffen herstellen. Und auch hier sollte man genauer hinschauen, wer das ist und was sie daran verdienen und vor allem wieviel im Vergleich zu Russland.
    Viele Grüße auch nach Schweden
    Marita

  7. Jan Reichelt

    Liebe Marita, ich nehme zur Kenntnis, dass du mir unterstellst, ich würde mich nicht ausreichend genug informieren. Nun ja, ich beobachte das ganze schon seit dem Amtsantritt von Putin sehr kritisch. Dabei beziehe ich mit auch auf Medien wie wir alle, aber auch über NGO Berichte, diversen Gespräche mit Kollegen, vormals Lieferanten und Kunden aus Russland, Buchautoren, Wissenschaftler und Bekannten aus Russland, mit denen man offen sprechen kann. Mir wurde oft berichtet, dass Russland nicht mehr die Sowjetunion ist, wie manche dieses Land wohl noch zu kennen glauben. Es haben nicht ohne Grund zig tausende junge Menschen in den letzten 10 Jahren ihr Heimat verlassen, um woanders freier und glücklicher zu leben. Hat das keinen Grund? Fragt dich das bitte mal. Ich habe nie behauptet, dass der Westen keine Mitverantwortung trägt. Diese ist evident. Mich irritiert nur, wie noch zu wenige die Rolle Russlands in der Instabilisierung der Ukraine seit der „Orangen Revolution“ hinterfragen. Putin hat selbst in seinen vielen Aufsätzen der Ukraine das Existensrecht abgesprochen. Bitte nimm dir die Zeit und lies diese Texte, die bis an die Anfäng der 2000er zurückreichen und in deren Aneinanderreihung eine Logik zur Entwicklung und Lagebild des heutigen Zerwürfnis mit dem Westen ergeben.
    Mich irritiert zutiefst, wenn sich zu wenige wundern, warum auf einmal Separatisten im Donbass mit nachweislich immenser russischer Unterstützung gegen ihr Land kämpfen und eigene sogenannten Volksrepubliken gründen. Wundert sich auch keiner über die vielen grünen Männchen ohne Landesabzeichen im Sommer 2014 auf der Krim, die dann im Handstreich zur Annektion geführt haben und Putin dies auch noch nachträglich bestätigte mit der Erklärung, dass dies Soldaten im Urlaub sein? Lässt das euch unberührt oder hinterfragt ihr nicht, warum das Russland macht und warum es dies als Atommacht nötig hat? Das war alles weit vor dem Überfall Ende Februar 2022!. Bitte daher genauer lesen und nicht vorverurteilen! Dem Märchen zu unterliegen, Putin sei ein lupenreiner Demokrat führte vor über 25 Jahren zu diversen und gravierendsten Fehlentscheidungen in unserer Verteidigung-, Energie- und Wirtschaftspolitik und die Misere dieser geplatzte Märchenblase dürfen nun diejenigen „ausbaden“, die am Anfang und Mitten ihres Berufsleben stehen. Das ist die bittere Wahrheit. – Und zu guter Letzt, ich bin selbst Reservist und möchte weder für mich als auch für meine Kinder, dass dieser Konflikt sich noch ausweitet. Also bitte nicht glauben machen, hier schreibt es Kriegstreiber. Das Gegenteil ist der Fall – hier schreibt einer, der wach ist.

    1. Hej Jan,

      wenn ich eins in meinem Leben gelernt habe (ich hoffe, es ist noch etwas mehr), dann ist es, dass es höchste Zeit ist, etwas zu hinterfragen, wenn zu viele Menschen „hinter der gleichen Fahne herrennen“. Die langjährige unisono Bewertung des russischen Staates und seiner Politik ist dafür das beste Beispiel. Zu offensichtlich waren in den letzten, vielleicht 20 Jahren die Schuldzuweisungen für so ziemlich alles, was Schlimmes in der Welt passierte. Es konnte nur einer sein, der das veranlasst hat: Putin. Und wenn man dies tausendmal in die Hirne der Menschen einpeitscht, dann wird Putin eben zum personifizierten Bösen. Bei anderen, für den Westen unangenehmen Staatsmännern hat das auch schon erfolgreich gewirkt.

      Die negativen Erlebnisse deiner russischen Gesprächspartner in allen Ehren, und ich stelle diese auch nicht in Abrede. Aber es gibt auch viele Menschen, die aus politischen Gründen Deutschland verlassen haben, und das sind gerade in den letzten vier Jahren durchaus nicht wenige.

      Und wenn du denkst, das Engagement des Westens in der Ukraine, in Syrien, Afghanistan, Libyen, Irak, Ex-Jugoslawien etc. hat irgendetwas mit Menschenliebe und einem harmonischen Zusammenleben in den jeweiligen Ländern zu tun, hier ein Zitat von Egon Bahr (Spiegel-Interview 2013):

      „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“ Ergänzen muss man dies nur noch mit wirtschaftlichen Interessen.

  8. Jan Reichelt

    Hallo Achim, hallo Marita, ich kenne die Thesen von Egon Bahr – er hat verständlicherweise Recht, diese „Regeln“ gab es schon zu Zeiten Roms. Russland kämpft gegen zum Teil auch selbst verschuldeten Bedeutungsverlust seit dem Zusammenbruch nach 1992, da es für viele Staaten immer mehr zur „Tankstelle“ für Öl und Gas geworden ist. Ebenso will Russland seine Nr.1 als Agrar- (Weizen, Mais, Sonnenblumenkerne) und Düngemittelexporteur der Welt kontinuierlich weiter ausbauen, um damit nahezu unangefochtener Monopolist zu sein sowie damit die politische Entwicklung vorallem des globalen Südens noch fester mitzubestimmen. Das sind Russlands Interessen an diesen Konflikt, ebenso die Interessen an der Sicherung der Rohstoffe im Donbass, wie Eisenerz, Kohle, Lithium, Seltenerden. All dies sind ist neben der Ausweitung der russischen Interessensphäre auch ein Gründe für diesen Krieg oder andere militärische Interventionen wie in Syrien (bspw. mit der Zerstörung Aleppos womit die Flüchtlingswelle ab 2015 erst so richtig losging). Ich bin nicht naiv zu denken, hier geht es vordergründig nur um Freiheit und Demokratie. Die Chimäre, dass es um Entnazifizierung, Entmilitarisierung, Verhinderung einer NATO Erweiterung (die Baltischen Staaten sind seit 2004 Mitglieder in diesem Verteidigungsbündnis und Russland hält weitestgehend die Füße still gehalten) oder gar um Schutz der russischen Minderheit vor eine Genozid geht, sind nur vorgeschobene nationalistische Erzählungen, um das russische Volk für den Krieg irrsinniger Weises zu begeistern sowie auf Einschränkungen, die der Krieg mit zu bringt, vorzubereiten. Da müsst ihr euch nur die Mühe machen, ab und zu Russia Today zu schauen. Da wird offen damit geworben, wie toll Krieg, der Kampf und Leiden für das Vaterland ist und offen gegen den Westen gehetzt wird. Sieht man vergleichbare Beispiele bei uns? Mitnichten! Den Menschen in Russland bleibt angesichts der nunmehr jahrzehntelangen Staatspropaganda und gleichgeschalteten Medien gar nichts mehr übrig, als diesen Geschichten ihr Glauben zu schenken, treu mitzumarschieren oder zu resignieren. Dabei könnte Russland mit seinen Ressourcen eines der reichsten und wohlhabendsten Länder der Erde sein, ähnlich zu Norwegen oder die USA selbst. Offenbar will man dies nicht aus Herrschersicht – einen Zaren gibt es also immer noch, nur nicht adliger Herkunft, sondern proletarischer.

    Ich bezweifle, dass Russland aktuell überhaupt verhandlungsbereit ist. Man vernimmt nur Signale mit Bedingungen der Akzeptierung der bestehenden territorialen Gegebenheiten auf dem Schlachtfeld. Warum auch? Die Zeit läuft doch auf dem Schlachtfeld gerade für Russland und wir tun zu wenig, um Putin davon zu überzeugen, dass es sich aktuell nicht mehr lohnt weiterzukämpfen. Denn es lohnt sich erst aufzuhören, wenn er erkennt, dass die Kosten zu hoch werden oder ein erneuter Angriff nicht sinnvoll ist, wenn eine ausreichend hohe Abschreckung vorhanden ist. All das liegt nicht vor. Auch kostet das weiter viel Leid, aber was ist ein Menschenleben in den Augen Putins schon wert? Ich vermute nicht viel. Ich bin kein Militär, nur glaube ich abzuschätzen, dass Russland ohne genügend Gegengewicht von uns gewiss nichts tun wird, bis die Ukraine nicht endgültig niedergerungen ist. Und was soll denn das Verhandlungsangebot des Westen sein, um Russland vom Gegenteil zu überzeugen? Land gegen Frieden? Was für ein vergiftetes Angebot, getreu Pawlow’scher Hund. Erinnert ihr euch an die wertlose Appeasement-Politik von Premierminister Chamberlain gegenüber Nazi-Deutschland, die nach dem Spanischen Bürgerkrieg als quasi militärischen Testlauf im Münchner Abkommen 1938 und danach am 1.9.1939 in die 2. europäische Katastrophe gipfelt? Was wäre das heute für ein Déjà-vu nach fast Zeiterfahrung von 100 Jahren , wenn man sich in der Ukraine-Frage völkerrechtlich auf ähnliche Kompromisse mit „Land gegen Frieden“ einigt. Das wäre doch Wahnsinn für die nächsten Jahre oder gar Jahrzehnte! Der Pawlow’sche Hund freut sich weiter.

    Russland ist Atommacht, noch dazu größte Landarmee Europas und hat nur Angst vor seinem eigenen Volk. Erinnert ihr euch noch an die landesweit vielen Demonstrationen gegen Putin nach den offenbar gefälschten Parlamentswahlen in Russland im Jahr 2011, die brutal niedergeschlagen worden sind? Ab da an hat sich das Innen- sowie Außenbild Russlands dramatisch verändert, hin zum Totalitarismus. Ja, Russland ist ein weites Land und der Zar fern in Moskau. Zu glauben, solch ein Riesenreich kann man nur mit Gewalt und Unterdrückung beherrschen, ist grenzwertig, da sich die Nachbarländer ringsum nicht zwangsläufig an Russland und seine Interesse ausrichten müssen, dies die russische Bevölkerung ja ebenso mitbekommt und gewiss auch nachdenklich stimmt. Das sieht man ja, wie schwer sich die Ukraine, Georgien, Moldawien (Transnistrien ist seit 1992 von russischen Truppen besetzt) und jetzt Armenien tun, sich aus der Umklammerung Russlands zu lösen und das diese Kämpfe sich auch auf die russische Gesellschaft auswirken. Lässt uns da alle kalt? Mich nicht. Ich schätze die russische Kultur aus Literatur und Musik sehr. Die politische Kultur lehne ich aus der Abwertung des einzelnen Individuums sowie der Menschlichkeit ab.

    Aber ich verstehe schon, es kann nicht sein, was wohl nicht ist und eigentlich nicht sein kann und Russland ist wohl immer noch die große, gute Friedenstruppe und Bekämpfer des Faschismus. Ja klar – lol.

    P.S.: Nehmt euch bitte die Zeit, Putins Aufsätze zu lesen und Russia Today zu schauen. Vielleicht öffnet das ja ein paar Augen.

    1. Hej Jan,
      eins heute vornweg, es ist interessant mit Dir zu diskutieren. Dieser Austausch hilft mir auch, den Kopf ab und zu aus der eigenen Meinungsblase herauszustecken. Mein Respekt vor Deinem Detailwissen, welches einem aber in dieser Diskussion regelrecht erschlagen kann (oder soll?).
      Alles in Allem lese und sehe ich aber nur Hass auf Russland und das macht mich traurig.
      Für mich ist das Ganze (der Ukraine-Krieg, die Rolle der NATO) eine Auseinandersetzung zwischen der USA und Russland.
      Und um das Ganze einmal auf einen ganz trivialen Nenner zu bringen:
      Für mich ist der eine zehn Pfennig und der andere einen Groschen Wert. Ich versuche aber beide Seiten zu verstehen. Insofern kannst du mich auch gerne einen Putin-Versteher nennen.
      Die USA versuchen, sich weiterhin als Welthegemon zu behaupten und Russland ist auf dem Weg bestimmender Faktor einer zukünftig multipolaren Welt zu werden. Diese Entwicklung beinhaltet eine Konkurrenz um Einfluss und auch eine potentielle und leider auch reele Kriegsgefahr.

      Lieber Jan, mir ist bewusst, das wir uns gegenseitig nicht bekehren werden. Ich würde mich aber freuen, dich in dem einen oder anderem Punkt zum Nachdenken zu bewegen und vielleicht bis hin zur Einsicht, das Hass die Welt auf keinem Fall besser macht.

      Ein Krieg endet nicht durch die Waffen der Vielen, sondern durch den Frieden, den jeder Einzelne in seinem Herzen pflegt.

      PS: Eines muss ich noch loswerden.
      RT Deutsch, Tagesschau, Aktuelle Kamera – was haben/hatten alle drei gemeinsam?
      Sie verbreiten Staatspropaganda.

  9. Marita

    Hallo Jan, es war nicht meine Absicht, hier eine große Diskussion über Russland anzustrengen. Aktuell hängt natürlich Vieles mit Russland zusammen. In einzelnen
    Deiner letzten Ausführungen geb ich Dir Recht; und „Russia Today“ ist bei uns , vor allem bei meinem Mann Tagesordnung. Ich finde das nicht ganz so gut, Wie Du schon sagst, Krieg live. Doch auch hier mein Einwand. Die Mentalität der Russen ist nun mal anders. Für sie steht das Vaterland an erster Stelle. Betreffs Putin; na klar hat er lange die Füße stillgeehalten. Einfach um das zu vermeiden, was Februar 2022 passiert ist. Ich möchte jetzt hier nicht die ganze Geschichte nach 1990 betreffs Verhandlungen und Aktivitäten seitens Russland , den westelichen Staaten und den USA aufzählen. Fakt ist, nicht nur aus westlicher Sicht schauen und deren Verträge und Versprechungen zu Russland. Sie sind fast alle nicht eingehalten wurden. Sanktionen über Sanktionen gegenüber Russland, Zerstörung der Pipeline und, und….. Warum ??? sollte Russland still halten und sich alles gefallen lassen. Was passiert jetzt im Osten Deutschlands durch die NATO?, Es sollten KEINE NATO-Stützpunkte in Ostdeutschland entstehen. Schau genau hin. Alles im Stillen.
    Ach ja, Was war denn mit gewissen Demonstationen (Corona) in Deutschland. Wie wurde hier gegen diese Menschen vorgegangen. Und was glaubst Du, wer die vielen jetzigen Demos gegen „Rechts“ organisiert und bezahlt. Von heut auf morgen laufen 160 000 Menschen in Berlin auf die Straße. Von selbst kommen die bestimmt nicht.
    Sicher ist es heute nicht einfach zu erkennen, was richtig oder falsch ist. Aber schon anders zu denken, als unsere sog. „Volksvertreter“ in Berlin, wirst du in eine für sie entsprechende rechte Ecke gestellt. Man redet von Demokratie !!!!! Aber die scheint nur für bestimmtee Menschen zu gelten. Was ist das für eine Demokratie, wo einfach ein Viertel der Wähler und der von ihnen Gewählten ignoriert werden. Nur, weil sie anderer Meinung sind. Kennst Du die Definition von „Demokratie“? Da geht es um ….politischer Freiheit und Gleichheit….
    Und da könnte ich soviel aufzählen, was bei uns in der sog. Demokratie „abgeht“.
    Marx, Engels und Lenin kennst Du sicher vom Namen, aber die Werke selbst… das weiß ich nicht. Ich mußte mal bei meinem Studium hier und da mich vertiefen.
    Betreffs Sozialismus/Kommunismus; da hat zum Beispiel Engels ganz klar gesagt:….
    man darf den Egoismus des Menschen nicht vergessen“ !. Ich meine, da hat er doch voll ins Schwarze getroffen. Und nach Marxs seinen Ausführungen sagte er inhaltlich, daß der Kapitalismus sich zum Imperialismus entwickel, sich weiter „hochschraubt“, bis es
    nicht mehr weitergeht. Ich denke, an dieser Stelle sind wir jetzt. Überall eskaliert es.
    Was kommt danach…???? Ich schätze, das weiß so richtig Keiner.

    Jan, ich versuche Dich zu verstehen. Versuche aber auch Du mal aus der Sicht des Anderen (in dem Fall Putin) zu denken.

  10. Jan Reichelt

    Liebe Marita, lieber Achim,

    auch ich schätze unseren Austausch hierzu sehr – bringt jeder weitere Blickwinkel neue Erkenntnisse für die Meinungsbildung und das ist gut, auch wenn sich die jeweilige Sachlage nur mit vielen Wörtern und Sätzen beschreiben lässt. Was meine Einwände anbelangen, habe ich schon zuvor geschrieben, dass manche Sichtweise zu kurz gefasst ist und die Diskussionen hierzu nicht als ‚Pars pro toto‘ sondern als Absolutes geführt werden. Das sehe ich auch in Deutschlands systematischer Unfähigkeit zum Diskutieren. Wir schaffen es bei fast keinem Thema mehr, sich auf grundlegende Fakten als Prämissen zu einigen. Zu vieles wird binär nur in Schwarz & Weiß oder Gut & Böse oder Krieg & Frieden getrennt und zerredet. Dabei ist das Bild oft viel differenzierter und damit auch die Chancen für Lösungsmöglichkeiten.

    Ich hege weder Hass gegen Putin oder Russland, noch kämpfe gegen irgendjemanden, aber ich habe eine Abneigung für die Abartigkeit von menschlicher Wertigkeit, die vom Kreml ausgeht. Putin hat nie einen Hehl daraus gemacht, was er über Nicht-Russen oder über alles andere oder was nicht binär ist, denkt. Das hat schon fast rassistische Züge. Das liegt vermutlich an seiner Sozialisierung zu Zeiten der Großen Ruhmreichen und unter der beim KGB. Diese alten Seilschaften gibt es ja bis heute noch.

    Auch hat Putin nach seinem Amtsantritt nicht lange die Füße stillgehalten, sondern gleich gezeigt, wozu er fähig ist. Siehe der 1. Tschetschenien Krieg oder die Besetzung Südossetiens und Abchasiens nach dem Georgien Krieg oder der Testlauf im Syrienkrieg für eine nächste größere Operation. Diese Ergebnisse und viele kleinere Konflikte durch seine Söldner sollte man in einer Reihe betrachten. Die Frage ist berechtigt, warum er das macht. Für mich gesehen, aus reinem Geltungsdrang und Selbsterhalt, auch -schutz gegenüber seinen Untertanen, aber auch Unterstützern, wie all den Petrooligarchen und Militärs. Denn wenn der Zar einen Konflikt verliert, ist er weg – so war es schon immer in der Russischen Geschichte.

    Die USA hat wie auch Europa in der Tat einen ziemlich großen Anteil an der gegenwärtigen miserablen Lage, das streite ich nicht ab. Das kann aber nicht allein der Grund sein. Das Weiße Haus hat sich seit Obama mehr und mehr auf den Pazifik und den zunehmenden Systemkonflikt mit China konzentriert und Europa stückweise sich selbst überlassen. Und haben wir daraus gemacht? Wir Europäer haben uns seit mehr als 25 Jahren selbst zu Kurtisanen Putins machen lassen. Wir alle sind dem Fluch des billigen Öls und Gas auf den Leim gegangen, obwohl viele Bündnispartner in Osteuropa und aus Amerika uns davor zu viele Male gewarnt haben. Wir Deutschen waren dabei noch dazu so selbstmörderisch, unsere eigenen Staatsassets wie Gaslager und Raffinerien an russische Oligarchen zu verkaufen, aus bloßer Geldgier. Auch davor wurden wir gewarnt, bis die Falle dann 2021 zuschnappte und die Überraschung groß. In Frankreich und Österreich war es übrigen ähnlich.

    Putin hat in den letzten 25 Jahren sein Russland ganz nach seinen Dünken gestaltet, Gegner aussortiert und unter die Erde bringen lassen. Schaut euch gern die Doku Putins Oligarchen an, sie fassen die ganze Misere Russland gut zusammen. Das kleine pseudodemokratische Pflänzlein unter Jelzin, auch wenn die Wirtschaftslage miserabel und korrupt war, wurde von ihm mit wenigen Handgriffen zertrampelt und alte Stände wieder eingerichtet.

    Und liebe Marita, zu deinen weiteren Einwänden zu Demokratie, Corona, Mobilisierung von Menschen zu Demos, ignorieren von einem Viertel der Wähler und der von ihnen Gewählten, zu Marx/Engels usw., ich habe einige Werke von Marx und Engels gelesen. Ihren Thesen waren moralisch und ethisch gedacht richtig. Lenin hat für mich gesehen, diesen Thesen allerdings nur missbraucht, um die Menschen für seine Idee der Unterdrückung durch Diktatur des Proletariats und Ausbeutung von Land und Menschen zu blenden. Die Farm der Tiere von Orwell bringt das prima auf den Punkt.

    Wir alle stehen an einem großen Wendepunkt in der Geschichte. Und wohin steuern wir, auch als Europäer in einer Union von fast 500 Mio. Menschen? Wenn wir uns nicht zusammentun, werden wir zwischen den Systemen USA, BRICS und CRINK irgendwann zerrieben werden. Ist es das was wir wollen? Da ich beruflich international eng vernetzt bin und so eine relativ guten Einblick in verschiedene System habe, kann ich sagen, dass ich froh bin in Europa zu leben und nicht zerrieben werden möchte, auch nicht für meine Kinder. Insofern braucht es zur Konsensbildung den gesitteten Meinungsaustausch und ein gemeinsames Miteinander ohne spalterische Worte von manch politischem Akteur. Das würde ich mir auch von dem Viertel der Gewählten wünschen, leider sehe ich das nicht.

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